Beestmilchstuten, Stuten mit Biestmilch

Am Wochenende bekam ich von einer Bäuerin eine ordentliche Portion Biestmilch geschenkt mit dem Hinweis „Da kannst du Biestmilchstuten von machen!“
Vorsichtshalber fragte ich nach, wie sie den Stuten machen würde, könnte ja sein, dass da Insiderwissen mit bei ist. Aber nein, ein ganz normales Stuten-Rezept geht dafür prima, nur wird anstatt der normalen Milch, Biestmilch genommen. Ich weiss davon ja leider nichts, sondern muss mir dieses ganze alte Landwissen neu aneignen. Und Göttin sei Lob und Dank treffe ich oft Menschen, die dieses bereitwillig weitergeben.
Beestmilchstuten also.

Nu is dat ja so, dat heer auff’n Land nich veel schreeven ward över so ole Sachen sünnern entweder du weetst dat or du kreegst dat vertehlt.

Erschwerend kommt hinzu, dass der einzige Eintrag, der auf Wikipedia peripher von Biestmilchstuten handelt suggeriert, dass man den nur in einem niedersächsischen Kaff namens Bülkau kennt. Watt’n Tüdelkrom.

Einige Familien in Bülkau kennen noch zwei Spezialitäten aus Beestmilch bzw. Bistmilch, auch Kolostralmilch oder Vormilch genannt:
Beestmilchstuten wird wie ein „normaler“ Stuten gebacken, nur mit Beestmilch. Der Geschmack ist etwas süßlich, der Stuten wird mit Marmelade oder Honig gegessen. [1]

Das muss hiermit geändert werden. Also liebe Leute, Biestmilchstuten kennt man vermutlich auf vielen norddeutschen Höfen, erfährt bloß keiner was von in der weiten Welt wenn das nicht mal einer aufschreibt.

Die gelbe Farbe der Biestmilch im Vergleich zu normaler Milch. Das Selfie auf der Milchflasche bitte ich nicht zu beachten. Heißen Dank.

Nu geiht dat los mit de Schrieverie.
Für einen Biestmilchstuten benötigt man:

  • 250ml Biestmilch
  • 500g Mehl Typ 405
  • 60g Butter (un een lütt beten extra)
  • 1 Würfel frische Hefe oder alternativ 1 Packung Trockenhefe mit lauwarmen Wasser und etwas Honig anfüttern und vermehren lassen
  • 1TL Zucker oder Honig extra
  • 0,5EL Salz
  • 1,5EL Zucker

Das Mehl in eine weite (irdene) Schale geben, eine Mulde machen und dort die Hefe reinbröseln, 1TL Honig oder Zucker dazugeben und mit einigen EL lauwarmer Milch und etwas Mehl vom Rand vermischen. Den Vorteig an einen warmen Ort stellen und 15 Minuten gehen lassen.

Die Butter in Flocken zugeben, die restlichen Zutaten ebenfalls. Mit den Händen einen schön geschmeidigen Teig so lange kneten, bis der nicht mehr klebt. Wieder in die Schüssel geben, mit einem Tuch abdecken, an den warmen Ort stellen und 30 Minuten gehen lassen.

Backofen auf 180°C vorheizen. Den Teig nochmal schnell durchkneten und falten. Dann eine Wurst von etwa der doppelten Länge der Form rollen, die Stränge umeinander legen oder flechten, in die gebutterte Form setzen und 30 Minuten backen bis der Stuten oben braun wird.


Der Stuten muss ordentlich abkühlen bevor man ihn anschneidet, dann schmeckt er lauwarm mit Butter und Marmelade tatsächlich am besten. Vorher pinselt man ihn aber noch mit Butter ein solange er gut warm ist, dann bekommt er den typischen Glanz. Wir haben eine selbst gemachte Weintraubenmarmelade dazu verkostet, die wir letztes Jahr geschenkt bekamen und die Mischung war ziemlich perfekt.

Bislang war ich ja immer der Meinung, dass jede Erstmilch von jedem Säugetier Biestmilch heißt, Wikipedia behauptet, dass das nur auf Rindviecher zutrifft. HmHmHm. Na, ich wollte eh schon ewig mal wieder einen Kaffee mit meiner Hebamme trinken dann kann ich gleich mal in Erfahrung bringen, ob sie mich für eine Kuh hält. 😉

Biestmilch darf übrigens nicht als Milch verkauft werden, sondern als Speziallebensmittel. „Werbeaussagen zur besonderen Wirkung von Kolostrum sind in der Europäischen Union nicht statthaft.“ [2] Jede Mutter kennt aber natürlich die Heilkraft der Muttermilch im Allgemeinen und des Kolostrums im Besonderen, auch ich habe bislang nichts besseres gegen wunde Babyärsche und wunde Dingsbums gesehen. Ach, und die viel zitierten Studien wissen das natürlich auch, reicht aber für die EU selbstverständlich nicht.

Kolostrum von Kühen gilt als gesundes Lebensmittel, es gibt zahlreiche Studien zu Kolostrum. Unter anderem soll Kolostrum einen gewissen Schutz vor Infektionskrankheiten bieten und die Wundheilung sowie die Regeneration geschädigter Darmschleimhaut unterstützen. Die Qualität des Kolostrums als Lebensmittel wird üblicherweise im Gehalt an Immunglobulin G pro Liter Kolostrum angegeben. Die Zusammensetzung von bovinem und menschlichen Kolostrum unterscheidet sich nur geringfügig. [2]

In Finnland scheint es bei jedem Kaufmann einen Käse aus Biestmilch zu geben, in Australien gibt man sie Sportlern zur Leistungssteigerung. Bei Erhitzung über 42°C gehen viele gute Inhaltsstoffe natürlich verloren. Logo.

Und was für Spezialitäten macht man in eurer Gegend aus Biestmilch?

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Bülkau
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kolostrum

19 Gedanken zu „Beestmilchstuten, Stuten mit Biestmilch

    1. Oli@Landidylle Autor

      Heißen Dank!
      Ist ja aber auch interessant wenn man auf so ein Rezept stösst, was wahrscheinlich bei den einen alltäglich und bei anderen gänzlich unbekannt ist. Ich als Wandlerin zwischen den Welten 😉 fühle mich verpflichtet zu dokumentieren. (Und ich hätte noch so einige regionaltypische Gerichte zu verbloggen an sich)

      Antwort
  1. andersistauchgut

    Den Ausdruck „Biestmilch“ habe ich neulich noch gelesen. Ist halt die erste Milch, die ein Fohlen (es ging um Pferde) direkt nach der Geburt trinkt. Und auch, dass diese erste Milch besonders wichtig ist. Aber heute habe ich richtig was von Dir gelernt! Wusste nicht, dass diese Milch auch in der Küche Verwendung findet…
    Lieben Gruß!
    Gabi

    Antwort
    1. Oli@Landidylle Autor

      Ich kenne, wie gesagt, den Ausdruck für jede erste Milch und hätte da nie zwischen Mensch und Kuh unterschieden. Daher war der Spruch mit der Hebamme auch mit einem Augenzwinkern gemeint, nicht nur sie hat davon gesprochen in Bezug auf Menschentiermütter, aber sie ist zum Glück auch etwas unkonventionell.
      Liebe Grüße, Oli

      Antwort
  2. deingruenerdaumen

    Bei uns Oststeiermark wurde die Biestmilch nur an Tiere verfüttert. Wenn sie zu früh in die andere Milch gemischt wurde, bekam die Trinkmilch einen unangenehmen Geschmack. Eine Altbäuerin erzählte mir vor einigen Jahren, dass Ihre Schwiegertochter die Biestmilch in den Mistabfluß schüttet, was wiederum sie, die Altbäuerin erschütterte. Sie hat diese übriggebliebene Milch an die Ferkel verfüttert. Gegessen habe ich sie nie, der Geschmack ekelte mich.

    Antwort
    1. Oli@Landidylle Autor

      Vielen Dank für die Infos aus deiner Region, das ist ja spannend.
      Ich finde es etwas seltsam, wie unterschiedlich die Vorgehensweisen sein können, immerhin handelt es sich um eines der wertvollsten tierischen Produkte. Klar kann kein Kalb soviel trinken, wie eine moderne Kuh produziert aber wie du schon sagst: für andere Tiere ist es super-super-hochwertig und ich bin ebenso erschüttert wie die Altbäuerin, dass Biestmilch irgendwo weggeschüttet wird.
      LG Oli

      Antwort
  3. wasmachstdueigentlichso

    Abgesehen von dem wirklich interessanten Beitrag finde ich dein „Ausversehenselfie“ deutlich erheiternder als das im web hochgehudelte gewisse Badewannenfoto. Biestmilch kenne ich nur noch vom Hörensagen.
    Grüüüße

    Antwort
    1. Oli@Landidylle Autor

      Tja, man kann nicht genug aufpassen, überall lauern gehässige, spiegelnde Oberflächen und warten nur darauf, dass sie den unachtsamen Fotografen im schlechtesten Licht dastehen lassen können! 😉

      Danke für dein Lob und ich finde es interessant, wie wenig regionale, überlieferte Rezepte es zu geben scheint. Entweder, die Kühe haben ‚damals‘ wirklich nur pi mal Daumen soviel Milch gegeben, dass ein Kälbchen es schafft oder man hat es wirklich mehr den anderen Tieren gegeben als gedacht oder viele Rezepte sind vergessen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man es sich früher leisten konnte, so ein reichhaltiges Lebensmittel nicht auch selber zu konsumieren.

      Grüße zurück

      Antwort
  4. Heidemarie Traut

    Ihr Lieben,
    Gott sei Dank, ich habe das Blatt gefunden, auf dem ich Euren Blognamen (und der von weiteren interessanten Blogs) aufgeschrieben hatte…und hier bin ich! Aber nächstens muss ich viel früher (am TAg) anfangen bei Euch zu lesen…denn da gibt es soooooo Vieles! Und Ihr macht das soooo toll – egal was, ich bin begeistert! Bestimmt auch, weil Ihr den Mut habt zu tun was Ihr tut, und weil es in weiten Teilen das Leben ist, das ich mir gewünscht (aber nicht gelebt) habe…
    Und was ich hier alles erfahre und lerne – wunderbar. So kannte ich z. B. keine Biestmilch…Ja, so weit haben wir uns von der Natürlichkeit entfernt (und tun es weiter…!!!)
    Jetzt habe ich mir Eure Bloganschrift ordentlich mit dem PC auf ein Blatt gedruckt, in Folie gelegt und in einem beschrifteten Ordner abgelegt…Will heißen: Ich werde sie nicht mehr suchen müssen; will weiter heißen: ich werde öfter bei Euch auftauchen!!!
    Alles Liebe und macht weiter so! Es ist ein richtig guter Weg!
    Heidi

    Antwort
    1. Oli@Landidylle Autor

      Schön, dass du wieder reinschaust. 🙂
      Ja, die Entfremdung vom Verständnis zur Natur und zum Leben von und mit der Natur geht rasant voran. Zum Glück gibt es die Gegenbewegung und auch wenn sie klein ist bin ich froh um jeden, der Praxiswissen bewahrt und weiterträgt! Und jeder noch so kleine Schritt kann weitere kleine Schritte nach sich ziehen, ganz automatisch und leicht – auch deswegen würde ich jedem raten, einfach anzufangen ein wenig von dem zu machen, was man sich wünscht.
      Ich freue mich, dass du jetzt öfter reinguckst (gucken kannst).
      Liebe Grüße, Oli

      Antwort

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