The Hungry Gap

keimende-kartoffeln

The hungry gap‚ beschreibt die Zeit, in der die eingelagerten Gemüse langsam schlecht werden, die Kartoffeln keimen und ungeniessbar werden – aber draussen im Garten und in der Natur noch zu wenig Nahrungsmittel zur Verfügung stehen, um die Menschen satt zu machen.

Ich grübele seit Tagen, ob es einen deutschen Begriff für diesen Zustand gibt, aber ich kenne keinen und konnte auch keinen finden. Kennt ihr einen?
Wikipedia hat nur einen sehr kurzen Beitrag für die ‚Hungerlücke‘ und ich finde ihn außerdem ein wenig ungenau:

In cultivation of vegetables in a British-type climate, the hungry gap is the gardeners‘ name for the period in spring when there is little or no fresh produce available from a vegetable garden or allotment. It usually starts when overwintered brassica vegetables such as brussels sprouts and winter cauliflowers and January King cabbages „bolt“ (i.e. run up to flower) as the days get warmer and longer, but sooner if a very hard frost kills these crops; and ends when the new season’s first broad beans are ready.

Das Vorratslager leert sich, Gemüse & Fleisch verdirbt

Diese Hungerlücke beginnt nun langsam (unter normalen Umständen*). Die Kartoffeln keimen und sollen dann nicht mehr gegessen werden, die in Sand eingeschlagenen Wurzeln und Knollen (Karotten, Bete, Steckrüben, und andere) haben nun schon so lange Geiltriebe gebildet, dass es auf ihre Substanz geht und sie bald verbraucht werden müssen. Eingepökeltes und auch geräuchertes Fleisch wäre unter normalen Umständen nun bereits verbraucht oder würde langsam verderben. Dank eines weiteren milden Winters faulen draussen die Kohlgewächse oder bilden ein letztes Mal noch wenige Blätter, dank längerer Tage schossen draussen im Garten die Porreepflanzen und sind auch nicht mehr lange zu gebrauchen, ebenfalls dank längerer Tage legen die Hühner wieder mehr Eier, aber auch sie wollen ernährt werden und wer hat heute noch soviel Land, dass es den Hühnern bei komplettem Freilauf reicht, um nicht nur den Grundumsatz, sondern auch den Leistungsumsatz zu decken und somit Energie für’s Eierlegen zu haben?
bete

Wurzeln, Rüben, Getreide & Fleisch – kein Chia, kein Kokos, keine Kartoffeln, keine Bohnen

Was bleibt? Getreide, gedörrtes – sofern es nicht durch klamme Witterung Feuchtigkeit gezogen hat und verdorben ist – und vor allem fermentiertes. Wenn die Kohlköpfe langsam welk werden, hält sich Sauerkraut noch mehrere Monate. Käse und andere Fermente bei guter Lagerung auch.

Immerhin haben die Menschen dank Kulturaustauschs zwischen der neuen Welt und der alten Welt seit einiger Zeit neben Kartoffeln auch auf Bohnen (insbesondere Trockenbohnen sind für das Vorratslager sinnvoll) und Kürbisse mit langer Haltbarkeit zurückgreifen können.

Davor mussten die Menschen nicht nur eine gute Ernte haben, wissen wie man Lebensmittel möglichst lange haltbar macht und ein wenig Glück mit der Witterung haben damit die Vorräte nicht im Erdkeller oder in der Erdmiete verfaulen, auch wenn sie alles richtig machten, waren sie vor Hunger nicht komplett gefeit.

Frühjahr oder Winter – Wann wird es eng?

Interessanterweise findet man im deutschsprachigen Raum sehr wohl Hinweise auf Hungerwinter, aber nicht wirklich auf Hungerfrühjahre – dabei ist die kritische Zeit unter normalen Umständen wohl nicht der Winter wenn die Lager noch prall gefüllt sind, sondern eher der Frühling wenn die Vorräte zu Neige gehen. Erst wenn noch andere widrige Umstände hinzukommen, fängt in unseren unwirtlichen Breiten die Hungerzeit bereits im Winter an.

Einkochen (Pasteurisieren) ist übrigens auch erst vor wenigen Jahrzehnten erfunden worden, also nichts, worauf man früher zurückgreifen konnte.

*Während der nord- und mitteleuropäische/nordamerikanische etc.  Mensch also derzeit im Supermarkt zwischen grünen Bohnen aus Ägypten, Spargel aus Mexiko, Granatäpfeln aus der Türkei, Süßkartoffeln aus Israel und Äpfeln aus Neuseeland wählt (und ich unterstelle 90% dabei absolutes Un-bewusst-sein, wenngleich auch argloses) hatten es unsere Vorfahren zur gleichen (Jahres-)zeit nur um wenige hundert Jahre versetzt nicht so einfach.

Der Lauf der Jahreszeiten

Fasten war zu dieser Jahreszeit wohl üblich darf ich annehmen, das Christentum verpackte und verkaufte die Sache so ansprechend, dass es heute noch Bestand hat, was sicherlich nicht schlecht ist. Bis Ostern kommt, die Hühner wirklich,  wirklich viele Eier legen und die Natur wiedererwacht ist es ja glücklicherweise nichtmehr lang – es sei denn, man hat einen wirklich leeren Magen.

Eine 2011 vorgestellte Studie zeigte, dass noch ein Jahr nach einer niedrig-energetischen Diät mit 2.300 kJ/Tag (550 kcal/Tag) über 10 Wochen und einem mittleren Gewichtsverlust von 13,5 kg die Hormone pathologisch verändert bleiben, die Appetit und Gewichtszunahme steigern. Ebenso blieb das Hungergefühl verstärkt. Quelle

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24 Gedanken zu „The Hungry Gap

  1. Wili

    ich finde man bemerkt diese Zeit der Knappheit zwischen Winter und Frühling auch in den Geschäften. Zumindest bei Obst und Gemüse. Da gibt es wenig Frisches und eher teures Obst und Gemüse, auch wenn das heute durch den zunehmenden Import immer mehr verwischt.

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    1. Landidylle Autor

      Ja und ich finde es erfrischend, dass dieser Zustand bislang nicht komplett abgeschafft ist. 😀 Wobei: wenn ich mir den Edeka in der großen Stadt ansehe, brechen die Regale da auch jetzt unter den exotischen Lasten. Wünschen würde ich mir, dass es mehr ins Bewusstsein eindringt, dass die übliche Fülle nicht selbstverständlich ist.

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  2. Landidylle Autor

    Die Dankbarkeit zeigt ja, dass Du Dir dessen bewusst bist, das finde ich gut. Und dankbar bin auch ich, ich koche ja gemäß des Themas des Blogs viel Hausmannskost und weiß auch die zu schätzen, aber wenn ich auf die ganzen Gewürze und Leckereien aus aller Welt verzichten sollte … oh je, das fängt ja schon mit Kaffee und Kakao an und hört bei Kokos, Zimt und Kurkuma noch lange nicht auf!

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  3. hannah - fahrtrichtung eden

    Irgendwie erschreckend, dass man diese Problematik heute sowas von überhaupt nicht mehr kennt und sich auch kaum vorstellen kann. Stattdessen können wir selbst im Winter bzw. Frühjahr fressen ohne Ende…
    Schlimm, wie wenig Bezug man heute überhaupt noch zu der Dynamik der Umwelt und den Jahreszeiten hat! (höchstens, dass man im Winter bei Schnee nicht so gut Auto fahren kann 😀 ) Irgendwie kommt mir das alles sehr falsch vor…

    Interessanter Beitrag auf jeden Fall! Liebe Grüße 🙂

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    1. Landidylle Autor

      Ich bin komplett bei Dir Hannah, so gesehen ist der Versuch, sich vom eigenen Land zu ernähren eine Selbsterfahrung mit in Folge super wertvollen Erkenntnissen. Ob man dann was draus macht oder nicht sei ja dahingestellt, aber die Erfahrung, das Nachdenken, das Bewusstwerden kann einem keiner nehmen. Und wenn man die olle Büchse der Pandora erstmal geöffnet ist können spannende Dinge sich ergeben für das weitere Leben.
      Liebe Grüße zurück!

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  4. kampfdenkalorientierchen

    Über dieses „Spätwinterhungerloch“ habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Wohl aber erst gerade über den Verlust von Wissen. Ich habe mich gefragt, ob ich ein altes grosses Lexika (30er Jahre) anschaffen soll um Zugriff auf früher notwendige Erfahrungen zu haben. Ich habe schon Bücher über das Leben im Mittelalter gelesen in denen das Lagern und einmachen von Lebensmitteln eine Rolle gespielt haben. Ich bin fast sicher dass es Möglichkeiten gibt um damit diesen Hungry Gap zu vermeiden.
    Anbei ein Link der einiges beschreibt das du ja wahrscheinlich schon kennst.
    http://www.hausinfo.ch/de/home/garten/aktuelle_gartenarbeiten/herbst/obst-gemuese-lagern.htm
    Liebe Grüsse, Bernhardl

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    1. Landidylle Autor

      Der Verlust von Wissen ist ein wichtiger Punkt.Ich stelle oft fest, dass ich mich beschnitten fühle. Viele Dinge.Tätigkeiten,Fähigkeiten,die früher selbstverständlich gewesen sein müssen, die man mit der Muttermilch ausgesogen hat und von klein auf an durch zusehen und mitmachen gelernt hat, sind uns schon verloren gegangen und müssen von Menschen wie mir mehr oder minder mühsam wieder erlernt werden.
      So zu leben wie wir es tun, verschafft mir grosse Sicherheit. Weil es bedeutet, dass wir uns (mehr oder minder erfolgreich) selbst versorgen, selbst erhalten können. Natürlich kann ich Geld verdienen und mir alles mögliche materielle kaufen, aber das Wissen, die Fertigkeiten, die kann man nur erlernen und durch Übung perfektionieren. Das ist gelebtes Kulturgut.
      Dein Link funktionierte bei mir leider nicht, der Inhalt konnte nicht gefunden werden – aber ich habe sehr viele Bücher über Vorratshaltung, Gartenbau, Saisonverlängerung, das Leben früher gelesen, ich denke, ich kenne im wesentlichen die Mechanismen, auf die wir heute zurückgreifen können und die, die früher zur Verfügung standen.
      Ein Buch, welches sehr nett geschrieben und ein Bericht aus der gelebten Praxis ist, was ich auch für Leute ohne große Affinität zum ursprünglichen Leben empfehle und gerne verschenke ist: ‚Mit Haube und Hacke‘ von Fiona J. Houston, auch erschienen unter dem Titel ‚Mein Cottage-Tagebuch‘.

      Was hatten die Menschen vor 220 Jahren, das wir nicht mehr haben? Sie lebten mit den Tages- und Jahreszeiten, sie sorgten vor, sie wussten, wie die Dinge wachsen, entstehen und funktionieren. Was es bringt, das einmal auszuprobieren, davon erzählt dieses bezaubernde Buch. Fiona J. Houston lebte ein Jahr lang wie die Frau eines schottischen Dorfschulmeisters des späten 18. Jahrhunderts. Anhand alter Quellen und mithilfe vieler Freunde rekonstruierte sie die damaligen Lebensbedingungen. Ihr Tagebuch, voll mit charmanten Naturbeobachtungen, nützlichen Gartentipps, originellen Kochrezepten und Selbstbauanleitungen, ist eine vergnügliche, entspannte, im besten Sinne lehrreiche Chronik einer außergewöhnlichen Zeitreise in eine Welt ohne elektrischen Strom und Maschinenlärm. Als gebundene Ausgabe ist das Buch unter dem Titel Mit Haube und Hacke lieferbar.

      Liebe Grüße und vielen Dank für die interessanten Unterhaltungen, Oli

      Antwort
  5. Doris

    Über dieses Hungerloch habe ich mir auch noch nie Gedanken gemacht .
    Neulich war ich kurz vor einem Lachanfall . In einem Laden hörte ich wie eine Frau zu ihrem Mann sagte : Nöö , der Blumenkohl für 1,49€ ist viiieel zu teuer … Die Leute denken nicht daran das Blumenkohl im Winter einfach teurer sein MUß .
    Übrigends lese ich bei Gutenberg gerade die Geschichte von der Schweizer Familie Robinson . Ende des 18ten Jahrhundert . Da wurden gebratene Tauben in Butter eingeschmolzen für Vorrat . In einem anderen Buch wurden getrocknete Kürbisscheiben erwähnt . So was finde ich in Romanen immer spannend . Bei http://www.feiertagsrezepte.de/ werden Früchte eingekocht und die Töpfe mit Schweinsblasen geschlossen . Wie lange das alles haltbar ist ,ist natürlich fraglich .

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    1. Landidylle Autor

      Das klingt sehr spannend Doris, definitiv etwas für mich. Hoffentlich komme ich jemals dazu, all das zu lesen was wichtig und interessant ist. ‚Hungerloch‘ ist übrigens eine gute Idee für eine deutsche Entsprechung!
      An deinem Beispiel aus dem Supermarkt kann man gut sehen, dass den Menschen im allgemeinen tatsächlich der Bezug zum Wert der Lebensmittel verlustig geht.
      Versucht man vom eigenen Land zu leben ist man im allgemeinen wohl dankbar, dass es im Notfall überhaupt einen Blumenkohl im Winter zu kaufen gibt. 🙂 Und für 1,50 wollte ich den auch im restlichen Jahr nicht anbauen wollen. 🙂

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  6. sanftmut

    Wenn wieder so ein Winter kommt wie dieser, werden wir hier auch bald Exotisches anbauen können. Ich hatte noch bis Anfang November Tomaten aus eigener Ernte (die im Eierkarton nachgereift sind).
    Ich wusste gar nicht, dass Einwecken erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt wurde. Erscheint aber logisch, wenn man bedenkt, dass sich Glas erst recht spät etabliert hat.

    Antwort
    1. Landidylle Autor

      Um die Tomaten bin ich neidisch!
      Aber insgesamt hat die Wärme ja auch ihre Kehrseite, wenn das Wintergemüse auf dem Beet vor der Zeit anfängt Blüten zu schieben, kommt einem das auch wieder nicht zupass.
      Einwecken empfinde ich als tolle und praktische Ergänzung zu anderen Methoden der Haltbarmachung, aber Dörren, Einmieten, Fermentieren – oder wie Doris schrieb – unter Luftabschluss konservieren hat auch Vorteile.

      Der Artikel bei Wiki über’s Einwecken ist recht interessant:

      Ursprünglich war das Einkochen von Denis Papin erfunden worden, der schon um 1700 Experimente mit der Konservierung von Gelees und Kochfleisch in mit Kitt abgedichteten Kupfertöpfen machte. Offenbar hatte Papin aber die Bedeutung seiner Entdeckung nicht erkannt – es blieb bei Laborversuchen.

      Die erneute Erfindung des Einkochens geht auf eine Initiative Napoleon Bonapartes zurück, der einen Preis von 12.000 Goldfranken für die Erfindung eines Verfahrens zur Konservierung von Lebensmitteln aussetzte, um seine Truppen auf Kriegszügen besser versorgen zu können. Den Preis gewann 1810 der französische Koch Nicolas Appert, der 1790 entdeckt hatte, dass Lebensmittel durch Erhitzen auf 100 °C in geschlossenen Behältern haltbar werden. In den 1880er Jahren entwickelte der Gelsenkirchener Chemiker Rudolf Rempel Gläser, deren Ränder glattgeschliffen waren und die mit Gummiringen und Blechdeckeln verschlossen wurden. Er konstruierte auch Apparate, um sie während des Einkochens geschlossen zu halten. Diese Erfindung ließ er sich 1892 patentieren. Zu seinen ersten Kunden gehörte Johann Carl Weck, der nach Rempels Tod 1893 das Patent und das Alleinverkaufsrecht an seinen Gläsern und Geräten erwarb. Mit dem Kaufmann Georg van Eyck gründete er 1900 in Öflingen die Firma J. Weck u. Co. Die sich daraufhin rasch im gesamten deutschen Sprachraum ausbreitende Wortschöpfung einwecken ist also auf den Namen Weck zurückzuführen. Bereits 1907 wurde das neue Wort in den Duden aufgenommenen.

      Antwort
  7. eifgental

    Mir fällt gerade jetzt erst auf, dass die vor-österliche Fastenzeit vielleicht noch einem weiteren praktischen Zweck dient: Da die vegetabilen Vorräte zur Neige gehen und auch noch nicht viel Neues wächst, könnte man ja in Versuchung kommen, „noch mal“ zu schlachten. Da man aber überzählige Tiere ja für gewöhnlich schon im Herbst geschlachtet hat, sind im Frühjahr vermutlich nur die übrig, die man braucht, um seinen Bestand zu erhalten – jedes Tier, das man jetzt aufisst, kann man später nicht zum züchten (oder melken oder scheren) verwenden… also steckte da vielleicht auch ein Versuch dahinter, die Leute vor Dummheiten zu bewahren. Unter Androhung des Fegefeuers. Das würd sogar Sinn machen.
    (Ich habe mich bisher immer gefragt, warum man ausgerechnet in einer Zeit, in der das Gemüse knapp ist, auch noch den Fleischkonsum zwangweise eingeschränkt hat!)

    Ein Hoch auf getrocknete Hülsenfrüchte…

    In den Läden merkt man vom „Hungerloch“ in der Tat nicht viel. Selbst im Hofladen gibt es auch jetzt noch knackige Äpfel (keine schrumpeligen Lageräpfel!). Wobei die Gemüse“vielfalt“ schon eingeschränkt ist, regional gibt’s momentan nur Wurzeln und Stielmus. Aber da wir ja hemmungslos importieren können, fällt die Lücke wirklich nur auf, wenn man auf die Herkunftsschilder achtet.

    Antwort
    1. Landidylle Autor

      Über das winterliche Schlachten habe ich mir auch Gedanken gemacht und bin zu einem ähnlichen Schluss gekommen. Gerade neulich, als ich wieder Getreide für die Vögel nachkaufen musste ist mir bewusst geworden, wie sehr die Futtermittel für die Tiere über Winter ins Gewicht fallen. Weidetiere wie Gänse, die sich sonst über’s Jahr ja komplett selbst von dem Grasland versorgen, auf dem wir ohnehin nichts anbauen könnten und sozusagen eine Gratis-Fleischzugabe sind, fallen mit ein paar Handvoll Weizen nicht ins Gewicht. Aber sogar Hühner, Kaninchen und Enten, denen man recht viele ‚Abfälle‘ füttern kann und die sich je nach Möglichkeit viel Zusatzfutter selber suchen, brauchen irre viel Futtermittel. Da kam ich ins Grübeln, wie man das früher kalkuliert hat.
      Ein Zuchtpaar ist zuwenig falls Fuchs und Marder kommen, Jungtiere zukaufen kommt günstiger als Alttiere überwintern aber man macht sich abhängig und bekommt bei Engpässen (so wie letztes Jahr Gänse) möglicherweise sehr schlecht/gar keine Tiere.
      In jedem Fall ist das ein sehr interessantes Thema für mich, ich mag es sehr, diese Erfahrungen zu machen und daraufhin Überlegungen anzustellen, zu recherchieren, von den Erfahrungen alter Leute zu hören. 🙂

      Antwort
      1. eifgental

        Das ist wirklich eine spannende Sache. Da muss es ja irgendwelche überlieferten Richtlinien gegeben haben, wie viele Tiere minimal durch den Winter gebracht werden sollten. Sicher spielte auch die Hof- oder Dorfgemeinschaft eine Rolle, so dass man die Aufgaben verteilen konnte. Ich weiß beispielsweise, dass in unserer heutigen Waschküche „früher“ (bis mindestens zum 2. Weltkrieg) der Stall für den „Gemeindestier“ war – also den einen Stier, der in der ganzen Gemeinde für Kälbchen zu sorgen hatte. Entsprechend hat sicher nicht jeder einzelne Kleinbauer ein Zuchtpaar durchgebracht, sondern man hat untereinander abgesprochen, wer die Männchen durch den Winter bringt. Die Nachteile, die diejenigen Leute dann durch den zusätzlichen Fresser hatten, haben sie dann hoffentlich im nächsten Jahr wiederbekommen, wenn die Nachbarn fürs Decken zahlen…

      2. Landidylle Autor

        Ja, irgendwie so muss das entstanden sein, dass derjenige der das männliche Tier stellt etwas bekommt plus ein Jungtier. Wir machen das zum Teil auch so. Bei den Enten haben wir eine lose Gruppe bekannter Züchter, mit denen wir die Erpel tauschen (oder verkaufen wer das bevorzugt).
        Unsere Vorwerk-Hühner sind sozusagen ein ausgelagerter Zuchtstamm für einen lieben Bekannten. Er hat uns gute Tiere besorgt, züchtet die selber und kann auf unseren Genpool zurückgreifen wenn er ihn braucht.
        Ich will beim nächsten Treffen mal die älteren Leute fragen, ob die früher pi mal Daumen eine Richtlinie hatten, wieviele Tiere sie überwintert haben!
        Eure Geschichte mit dem Waschküchen-Stier ist auch ein nettes Stück Dorfchronik, mein Mann sagte gestern gerade in Bezug auf unseren Milchbedarf: ‚Die Zeiten sind ja vorbei wo jeder morgens nach dem Melken seine Kuh wieder zurück auf die Allmende treiben konnte‘.
        Tja, für den einen leider – für den anderen Gott sei dank. Aber wirklich interessant.

  8. sbimmo

    Ich kenne den Begriff ‚Hungermond‘ (von Hungermonat) für den Februar bzw die Zeit, wo die Vorräte zur Neige gehen. Mein Stolz, dieses Jahr meine Vorräte gut eingemacht und eingeteilt zu haben um den Hungermond zum ersten Male ohne etwas zu missen zu überstehen, wird leider dadurch angekratzt, dass es beim Tierfutter punktgenau nicht gereicht hat und ich seit zwei Wochen zukaufen muss.
    Also nächstes Jahr noch nen Tick besser werden 🙂

    Antwort
    1. Landidylle Autor

      Herzlichen Glückwunsch, das ist eine großartige Leistung!
      Ich freue mich für Dich. 🙂

      Wir würden unsere Ernährung noch weiter umstellen müssen, Milchprodukte, Getreide und Öl sind hier nach wie vor die echten Knackpunkte. Und Kaffee & Co. die unechten.

      Ich fühle zwar mit Dir was den angekratzten Stolz angeht, aber von meiner Warte aus finde ich die Leistung, die dahintersteht, bis jetzt ausgekommen zu sein beachtlich.

      Und jaaaa, bei ‚Hungermond‘ klingelt etwas im Hinterkopf. Vielen Dank für den Hinweis. Das war es. Edit: ein kurzer Textbeitrag über den Hungermond bei Deutschlandfunk.

      Antwort
      1. baumfrau

        Moin, liebe Oli!
        Aus eigener Erinnerung kann ich wenig zum Umgang mit dem Hungerloch beitragen – meine mich zu entsinnen, dass dies die Zeit der „süßen Suppen“ = aus Holundersaft, Kirschsaft etc. mit Grießklößchen und die Zeit des gerösteten Roggenbrotes (mit Zuckerrübensirup oder einfach nur Zucker) und der „Schustertunke“ (irgendwas mit Schweinespeck & Zwiebeln und viel Soße war. Wenn die eingelagerten Kartoffeln Keime zeigten, wurden die einfach abgepult. Wir hatten allerdings auch einen Erdkeller u.a. für Kartoffeln.

        Aus den Büchern von Laura Ingalls Wilder hab‘ ich, dass die Familie im frühen Frühjahr viel mit Wildkräutern machte. Hier wachsen die übrigens schon recht gut: Knoblauchsrauke, Brennessel, Löwenzahn und Buntnessel können schon geflückt werden.

        Bin gespannt, auf welches alte Wissen Du noch stößt!

        Liebe Grüße von Regina (Baumfrau)

      2. Landidylle Autor

        Moin liebe Regina!
        ich hatte gehofft, bald etwas von Dir zu hören und hätte Dich dann wahrscheinlich ohnehin zu Deinem Kräuterwissen in Verbindung mit dem Hungerloch befragt. Und natürlich zu den aktuellen, praktischen Erkenntnissen.
        Deine Erinnerung ist sehr interessant, intuitiv dachte ich neulich, dass es jetzt an der Zeit wäre Mehlbüdel mit Trockenfrüchten und Schweinebacke zu machen, ich habe auch überlegt, ob man Ofenkater früher (vor dem Einkochen) vielleicht mit aufgeweichten Trockenbirnen gemacht hat?
        Interessant, dass die Wildkräuter bei Dir schon so weit sind – gut, mit meinem klitzekleinen Wissen übersehe ich sicherlich 90% – auf Brennnesseln habe ich gerade geachtet, als ich Brombeeren gerodet habe, da tut sich noch nicht viel. Bärlauch wären einige, wenige Blätter zu ernten – und da sind wir wohl schon weit, eben waren Bekannte hier, die waren ganz erstaunt.
        Ich bin auf jeden Fall gewillt, alle Augen und Ohren offen zu halten und die Erkenntnisse hier oder anderswo zusammenzutragen.

        Liebe Grüße und hoffentlich auf bald, Oli

  9. Anne

    Hallo Oli, ich habe gerade über deinen neunen Monatsbericht hergefunden, im Reader ist mir der Artikel durch die Lappen gegangen.
    Aber was ich sagen wollte: So viele tolle Informationen in den Kommentaren! Das Hungerloch war mir bekannt, ich hatte es nur zeitlich ein wenig später in Erinnerung. Nichtsdestotrotz habe ich dazugelernt!
    Die Keime von den Kartoffeln puhlen wir hier auch ab – sollte man das nicht tun? (Die sind bei uns noch sehr klein, der Keller leistet gute Dienste).
    Liebe Grüße aus Südost! Anne

    Antwort
    1. Oli@Landidylle Autor

      Die Kommentare hier sind immer eine wahre Fundgrube und das freut mich sehr. Wenn die Keime noch sehr klein sind, puhle ich sie auch ab – aber mit mässig gutem Gewissen. Die Knolle fängt ja schon an, sich umzubauen, bevor man den ersten Keim sieht und das soll eben ziemlich ungesund sein. Einige werden jetzt sagen: Früher hat man die trotzdem gegessen aber früher hatten wir auch noch keine Millionen Autos auf den Strassen, Pestizide, Fungizide, Insektizide und sonstwas für -zide überall usw.

      Also Hmm. 🙂

      Liebe Grüße aus dem heute wirklich stürmischen Norden, Oli

      Antwort

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